der rote Faden unserer Therapie

Aktive Physiotherapie

„I can‘t fix you“ (Jeremy Lewis - Rotator Cuff Related Shoulder Pain & the athlete, o. J.) beziehungsweise „It doesn‘t need to be fixed“ (Steiger et al., 2012). Wir als Physiotherapeuten können Bewegung gezielt dosieren, anleiten und in der Bewegungsplanung und Ausführung unterstützen – was wir jedoch nicht können ist, wie die einleitenden Worte bereits verraten, den Körper unserer PatientInnen von außen verändern. Dieser Leitgedanke zieht sich durch unsere Therapieansätze und dies wollen wir in der ersten Einheit bzw. während der Anamnese auch in dieser Form kommunizieren.

 

Die aktive Physiotherapie verfolgt als Ziel, welches mit den PatientInnen gemeinsam ausformuliert wird, die Erreichung eines individuellen Funktionslevels. Dabei sind wir Therapeuten diejenigen, welche die Bewegungs- und Trainingslehrekompetenz vereinen und gezielt auf dieses individuelle Funktionsziel hin einen Therapie- beziehungsweise Trainingsplan ausarbeiten. Die Anleitung der spezifischen Übungen erfolgt durch uns Therapeuten. Auch die erstmalige Umsetzung des Therapieplans wird innerhalb der Therapiezeit erfolgen – die Verantwortung der mittelfristigen Umsetzung bleibt jedoch immer bei unseren PatientInnen. Diesen Schritt können und wollen wir nicht übernehmen, bleiben jedoch natürlich immer Ansprechpartner für Adaptationen des Therapieplans bzw. offene Fragen.

 

Bei Beschwerdebildern im orthopädischen, muskuloskelettalen Bereich, zeigt sich eine gute Evidenzlage hinsichtlich aktiv ausgerichteter Physiotherapie - wie nachfolgend exemplarisch aufgezeigt:

  • RCRPS (Impingement Syndrom) (Jeremy Lewis - Rotator Cuff Related Shoulder Pain & the athlete, o. J.)
  • unspezifischer LBP (Foster et al., 2018)
  • chronischer LBP (Steiger et al., 2012)
  • Osterarthrose (McAlindon et al., 2014)
  • Osteoporose (National Osteoporosis Society, 2019)

 

Aber auch bei neurologischen und internistischen Erkrankungen empfehlen medizinische Guidlines ein aktives Therapiesetting für die Betroffenen. Nachfolgend werden hierbei nur zwei große physiotherapeutische Themenfelder aufgezeigt und auf entsprechende Publikationen verwiesen.

Interne Erkrankungen:

  • Diabetes Mellitus (Boulé et al., 2001)
  • Herzinsuffizienz (Chung & Schulze, 2011)
  • Schlaganfall Rehabilitation (Dohle et al., 2015)

 

Kommunikation:

Worte von TherapeutInnen können Erwartungshaltungen und Beliefs von PatientInnen und damit auch das Therapieergebnis maßgeblich beeinflussen. TherapeutInnen müssen sich darüber im Klaren sein, dass nicht nur die applizierte Technik mit den spezifischen Wirkmechanismen, sondern auch die Kommunikation und damit die Fazilitation unspezifischer Wirkmechanismen in der Behandlung und vor allem im Therapieergebnis eine bedeutende Rolle spielen. Ist TherapeutInnen diese Verantwortung in der Kommunikation nicht bewusst, laufen sie Gefahr, unter Umständen zu yellow flags und damit zu einem Teil des Problems von PatientInnen zu werden.

Malfliet et al. (2019) konnten aufzeigen, dass durch verbal suggerierte Erwartungshaltung, erzeugt von der behandelnden Person, signifikant Einfluss auf das Therapieergebnis genommen werden kann.

Verbale Kommunikation spielt, wie van Laarhoven et al. (2011) zeigen, auch in der Schmerzwahrnehmung eine bedeutende Rolle. So konnte durch negative verbale Suggestion eine signifikant höhere Schmerzwahrnehmung, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe gemessen werden.

In der therapeutischen Kommunikation wollen wir den PatientInnen folgende Fragen beantworten können (Butler & Moseley, 2015):

  • Was passiert in deren Körper?
  • Mit welcher Genesungs- beziehungsweise Rehabilitationsdauer ist zu rechnen?
  • Welche Kurz- und Langzeitziele können verfolgt werden?
  • Welche physiotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
  • Was empfiehlt die Wissenschaft als erfolgversprechendste Maßnahme?

 

Edukation

Wir sehen Edukation als eine zentrale Säule in der nachhaltigen, physiotherapeutischen Behandlung. Louw et al. (2016) unterstreichen diese Säule mit ihrem Systematic-Review, der aufzeigt, dass bei chronischen muskulo-skelettalen Beschwerden mit einer entsprechenden Schmerzedukation eine gesteigerte Aktivität und damit verminderte Einschränkung im täglichen Leben erreicht werden kann.

 

Explain Pain (EP)

EP stellt eine Reihe von edukativen Maßnahmen dar, die zu einem besseren Gesamtverständnis des Phänomens Schmerz führen sollen. In weiterer Folge ist durch ein besseres Verständnis von Schmerzen verminderte Angst und vermindertes katastrophisieren der aktuellen Situation zu erwarten (Moseley & Butler, 2015).

 

Fear-Avoidance-Model

Im Fear-Avoidance-Model werden biopsychosoziale Zusammenhänge in Verbindung mit Schmerzerleben dargestellt. Vor allem geht aus diesem Modell schematisch hervor, wie durch Katastrophisierung und darauffolgender Vermeidung von Aktivität die Einschränkung im täglichen Leben stetig zunimmt (Boselie & Vlaeyen, 2017).
Die Rolle der Physiotherapie besteht darin diesem Fear-Avoidance-Verhalten durch gezielte Kommunikation bzw. Edukation und spezifisch angeleiteter aktiver Physiotherapie entgegenzuwirken. Ziel dabei ist eine professionelle physiotherapeutische Unterstützung zur Förderung der Alltagsressourcen.

 

 

 

Literaturverzeichnis

Boselie, J. J. L. M., & Vlaeyen, J. W. S. (2017). Broadening the fear-avoidance model of chronic pain? Scandinavian Journal of Pain, 17(1), 176–177. https://doi.org/10.1016/j.sjpain.2017.09.014

Boulé, N. G., Haddad, E., Kenny, G. P., Wells, G. A., & Sigal, R. J. (2001). Effects of Exercise on Glycemic Control and Body Mass in Type 2 Diabetes Mellitus: A Meta-analysis of Controlled Clinical Trials. JAMA, 286(10), 1218. https://doi.org/10.1001/jama.286.10.1218

Butler, D., & Moseley, L. (2015). Explain Pain. Noigroup Publications.

Chung, C. J., & Schulze, P. C. (2011). Exercise as a Nonpharmacologic Intervention in Patients with Heart Failure. The Physician and Sportsmedicine, 39(4), 37–43. https://doi.org/10.3810/psm.2011.11.1937

Dohle, C., Tholen, R., Wittenberg, H., Saal, S., Quintern, J., Stephan, K. M. (2015) in Neurologie

und Rehabilitation 7, DGNR.

Foster, N. E., Anema, J. R., Cherkin, D., Chou, R., Cohen, S. P., Gross, D. P., Ferreira, P. H., Fritz, J. M., Koes, B. W., Peul, W., Turner, J. A., Maher, C. G., Buchbinder, R., Hartvigsen, J., Cherkin, D., Foster, N. E., Maher, C. G., Underwood, M., van Tulder, M., … Woolf, A. (2018). Prevention and treatment of low back pain: Evidence, challenges, and promising directions. The Lancet, 391(10137), 2368–2383. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)30489-6

Jeremy Lewis - Rotator Cuff Related Shoulder Pain & the athlete: Suggestions for management. (o. J.). Abgerufen 8. Januar 2020, von https://www.youtube.com/watch?v=QVRTZm3pI3Y

Louw, A., Zimney, K., Puentedura, E. J., & Diener, I. (2016). The efficacy of pain neuroscience education on musculoskeletal pain: A systematic review of the literature. Physiotherapy Theory and Practice, 32(5), 332–355. https://doi.org/10.1080/09593985.2016.1194646

Malfliet, A., Lluch Girbés, E., Pecos-Martin, D., Gallego-Izquierdo, T., & Valera-Calero, A. (2019). The Influence of Treatment Expectations on Clinical Outcomes and Cortisol Levels in Patients With Chronic Neck Pain: An Experimental Study. Pain Practice. https://doi.org/10.1111/papr.12749

McAlindon, T. E., Bannuru, R. R., Sullivan, M. C., Arden, N. K., Berenbaum, F., Bierma-Zeinstra, S. M., Hawker, G. A., Henrotin, Y., Hunter, D. J., Kawaguchi, H., Kwoh, K., Lohmander, S., Rannou, F., Roos, E. M., & Underwood, M. (2014). OARSI guidelines for the non-surgical management of knee osteoarthritis. Osteoarthritis and Cartilage, 22(3), 363–388. https://doi.org/10.1016/j.joca.2014.01.003

Moseley, G. L., & Butler, D. S. (2015). Fifteen Years of Explaining Pain: The Past, Present, and Future. The Journal of Pain, 16(9), 807–813. https://doi.org/10.1016/j.jpain.2015.05.005

Skelton, D. (2018). Strong, Steady and Straight, An Expert Consensus Statement on Physical

Activity and Exercise for Osteoporosis. National Osteoporosis Society

Steiger, F., Wirth, B., de Bruin, E. D., & Mannion, A. F. (2012). Is a positive clinical outcome after exercise therapy for chronic non-specific low back pain contingent upon a corresponding improvement in the targeted aspect(s) of performance? A systematic review. European Spine Journal, 21(4), 575–598. https://doi.org/10.1007/s00586-011-2045-6

van Laarhoven, A. I. M., Vogelaar, M. L., Wilder-Smith, O. H., van Riel, P. L. C. M., van de Kerkhof, P. C. M., Kraaimaat, F. W., & Evers, A. W. M. (2011). Induction of nocebo and placebo effects on itch and pain by verbal suggestions: Pain, 152(7), 1486–1494. https://doi.org/10.1016/j.pain.2011.01.043